Jahr des Gorillas 2009

 

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PRESSEINFORMATION

Zucht-Chaos in Zoos: Artenschützer fordern Gentests für Gorillas

Gorilla-Zuchtprogramm ist kein Beitrag zum Artenschutz

München, 27. Juli 2009. Ein Großteil der derzeit in Zoos weltweit lebenden 850 Gorillas steht im Verdacht, Mischlinge aus zwei verschiedenen Unterarten zu sein. Dies ergaben Analysen der Stammbäume von Zoo-Gorillas weltweit durch die Artenschutzorganisation Pro Wildlife. Laut dem Weltzooverband WAZA wollen die Zoos eine „lebensfähige Reserve-Population“ der bedrohten Gorillas aufbauen. „Das Gorilla-Zuchtprogramm war immer ein Renommee-Projekt der Zoos, und nun das Desaster: Offenbar wurden über 30 Jahre hinweg Westliche Flachlandgorillas und Cross-River-Gorillas wild durcheinander gezüchtet“, kritisiert die Pro Wildlife-Sprecherin Dr. Sandra Altherr.

Ungeklärte genetische Herkunft der Wildfänge
Über 780 Gorillas wurden bis in die 1980er Jahre der Natur entrissen und an Zoos in alle Welt geliefert. Laut Internationalem Gorilla-Zuchtbuch kamen mindestens 176 der wildgefangenen Tiere aus Kamerun, weitere elf aus „Westafrika“, für die meisten übrigen Gorillas benennt das Zuchtbuch lediglich „Afrika“ als Herkunft. Bei all diesen Tieren wurde bisher nicht überprüft, welcher der beiden Unterarten des Westlichen Gorillas sie angehören. So kommen in Kamerun beide Unterarten vor – der Westliche Flachlandgorilla (Gorilla gorilla gorilla) und der akut vom Aussterben bedrohte Cross-River-Gorilla (Gorilla gorilla diehli). In Nigeria leben ausschließlich Cross-River-Gorillas, in anderen Ländern Afrikas wiederum nur die Westlichen Flachlandgorillas.

Hunderte Zoo-Gorillas sind Mischlingskandidaten
Nachdem es für die Zoos immer schwieriger wurde, Gorillas aus freier Wildbahn zu bekommen, etablierten sie in den 1980er Jahren in Europa und Nordamerika Zuchtprogramme, um weiterhin Gorillas in Gefangenschaft halten zu können. Heute leben noch etwa 130 Wildfänge in Zoos, und es gibt bereits eine dritte Nachzucht-Generation. Da die genetische Identität der Wildfang-Gorillas bis heute ungeklärt ist, ist auch völlig offen, bei wie vielen ihrer Nachzuchten es sich um Mischlinge handelt. Vor allem bei Nachkommen von Gorillas aus Kamerun und Nigeria, die einen Großteil aller Nachzuchten stellen, ist die Gefahr groß, dass sie eine Kreuzung beider Unterarten sind.

Zoos scheuen explosive Ergebnisse genetischer Tests
Seit über 100 Jahren wird der Cross-River-Gorilla als eigenständige Unterart diskutiert, seit 2000 ist dies offiziell anerkannt. „Die Zuchtkoordinatoren der Zoos müssten sich also seit Jahren des Problems bewusst sein. Dennoch wurde die DNA der Tiere bis heute nicht untersucht“, kritisiert Altherr.

Pro Wildlife fordert umgehende Konsequenzen der Zoos
Einziger Ausweg aus dem Dilemma ist es aus Sicht der Artenschutzorganisation, bei allen Zoo-Gorillas per Gentest zu klären, welcher Unterart sie angehören. „Mit Mischlingen beider Unterarten darf künftig nicht mehr gezüchtet werden.“ Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm für Schimpansen hat erst kürzlich Mischlinge aus seinem Zuchtprogramm genommen. Entsprechende Konsequenzen sind für das Gorilla-Programm überfällig. Pro Wildlife warnt die Zoos jedoch davor, solche „ausrangierten“ Mischlinge in drittklassige Tierparks abzuschieben: „Für diese Tiere tragen die Zoos eine lebenslange Verantwortung.“

Der Weltzooverband WAZA ist offizieller Partner des „Jahr des Gorillas“, das 2009 von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde. „Ob die Zoos mit ihrem Zucht-Chaos einen Beitrag zum Gorillaschutz leisten, ist mehr als fraglich“, so Altherr. „Wollten die Zoos wirklich das Überleben der Gorillas sichern, müssten sie stattdessen mehr Projekte in deren natürlichem Lebensraum finanzieren.“

Foto: Pro Wildlife